Ariane Krampe im Blickpunk:Film Interview

© ARD Degeto, Zeitsprung

„GOLDENER MOMENT“ – ARIANE KRAMPE UND „DER FALL BARSCHEL“

Blickpunkt:Film Interview vom 28.01.2016

Als Teamworx-Mitbegründerin Ariane Krampe 2013 nach rund 15 Jahren die UFA-Gruppe Richtung Zeitsprung verließ, war dies einer der spektakulärsten Personalwechsel auf dem deutschen Produktionsmarkt. Knapp drei Jahre später präsentiert sie ihre Produktion „Der Fall Barschel“, für die sie im Sommer den Bernd Burgemeister Preis gewann. In der Zwischenzeit ist Krampe selbständig, ihr Zeitsprung-Engagement schon wieder Geschichte.

„Das ist der beste Film, den ich produzentisch begleitet habe,“ urteilt Ariane Krampe über den „Fall Barschel“. Angesichts einer Filmographie, die Prestigeprojekte wie „Der Tunnel“, „Tanz mit dem Teufel – Die Entführung des Richard Oetker“, „Die Luftbrücke“ oder „München 72“ zieren, ist das mal ein Statement. „Der Fall Barschel“, inszeniert von Kilian Riedhof, lässt sich am treffendsten als Journalisten-Thriller beschreiben. Zentrale Figur ist ein junger Journalist, der im Zuge seiner fast schon besessen geführten Recherchen zu den Hintergründen von Barschels Tod im Jahr 1987 den Boden unter den Füßen verliert. „Ich bin sehr stolz auf den Film. Ich glaube, dass es in dieser Form und Vielschichtigkeit, in dieser Art der Herangehensweise noch nicht allzu viele deutsche Filme gegeben hat,“ lautet Krampes Einschätzung, der man sich durchaus anschließen kann. Auf der einen Seite bildet „Der Fall Barschel“ die Ereignisse, die man von 1987 noch vor Augen hat, historisch präzise, fast dokumentarisch ab. Andererseits schaffen es Riedhof und seine Mitstreiter, dass man den historischen Kontext immer wieder ausblendet und in den Sog des Thrillers gerät.

Bereits 2007 ging Ariane Krampe den Barschel-Stoff an. Auslöser war eine sich über zwei Ausgaben erstreckende Geschichte im „Spiegel“. Unter Stefan Aust wurden drei Journalisten ausgesandt, die nochmals fast ein Jahr lang den Fall Barschel recherchierten. Krampe ist mit einer der involvierten Journalistinnen, Britta Sandberg, befreundet und bekam so – zumindest am Rande – Einblicke in die intensive Recherchearbeit, „die die Journalisten auch in ihrem Privatleben oft nicht losließ“, so Krampe.

Krampe begann ihr Filmprojekt aus der Sicht der Journalisten zu entwickeln. Einige Zeit später bekam sie die erste Fassung eines anderen Projekts gleichen Inhalts in die Hände. Kilian Riedhof arbeitete fast zeitgleich und mit ganz ähnlichem Ansatz an der Thematik. „Ich habe gleich erkannt, besser kann man es nicht machen“, beschreibt sie diese Koinzidenz. Riedhof war zu jenem Zeitpunkt noch nicht der große Name von heute. Sein Durchbruch mit „Homevideo“ Clip und „Sein letztes Rennen“ Clip lag noch vor ihm.

Von Anfang an war Krampe und Riedhof klar, dass sie den Barschel-Stoff weder als Biopic erzählen noch als klassisches Event-Thema aufgreifen wollten. Zwei Journalisten als Perspektivfiguren (Alexander Fehling und Fabian Hinrichs), die die verschiedenen Theorien zu Barschels Tod – die Selbstmord- und die Mord-Theorie – spiegeln sollten, erschienen ihnen als idealer Ansatz. Die Intensität mit der Riedhof und Koautor Marco Wiersch „diesen Stoff in seiner Komplexität und mit allen greifbaren Quellen über Jahre beackert haben“, hinterließ bei Krampe nachhaltigen Eindruck.

Nachdem sie die UFA 2013/14 Richtung Zeitsprung Pictures verließ, nahm Krampe den Stoff zu ihrem neuen Arbeitgeber mit. Als „goldener Moment“ für seine Umsetzung erwies sich dann die Neuausrichtung bei der Degeto. Dass der Daumen für „Der Fall Barschel“ hochging, war dann letztlich die Entscheidung von Degeto-Chefin Christine Strobl und dem neuen Redaktionsleiter Sascha Schwingel. Die ARD-Tochter fungiert als 100-prozentiger Auftraggeber. Dass es nur einen Auftraggeber gab, war einer „höchst konstruktiven Zusammenarbeit“ zwischen Sender und Produktion sehr dienlich. Geradezu ein Glücksfall: „Die ganze Kraft konnte in die kreative Arbeit fließen“, so Krampe. Auch in der „Netflix-Euphorisierung“ sieht sie einen Grund dafür, dass das Barschel-Projekt nach so langer Zeit doch noch realisiert werden konnte: „Heute stehen Türen offen, von denen man vor zehn Jahren gar nicht ahnte, dass es sie geben wird. Wir haben da sicherlich auch von der durchlässiger gewordenen Atmosphäre im deutschen Fernsehen profitiert.“

Weil man sich mit einem Stoff wie der Barschel-Affäre auf juristisch „hoch vermintes Gebiet“ begibt, arbeitete Krampe mit dem Berliner Juristen Jan Hegemann zusammen, der jeden Schritt in den Drehbüchern mitgegangen ist und der Zeitsprung bereits bei „Contergan“ Clip sicher über alle drohenden Untiefen hinwegführte. Eine weitere spezielle Herausforderung stellte die bereits angesprochene historische Genauigkeit in den Szenen und Situationen dar, die im kollektiven Bewusstsein verankert sind. Matthias Matschke habe Barschels Auftritt bei der legendären Pressekonferenz („Ich gebe ihnen mein Ehrenwort“) „gelernt wie eine Partitur – jedes Atemholen, jeden Versprecher.“ Das Genfer Hotelzimmer, in dem man Barschel fand, wurde detailliert nachgebaut inklusive der Originalbadezimmerfließen. Über deren Preis schweigt die Produzentin. „Aber ich habe verstanden, dass das sein musste. Kilian Riedhof war da in seiner visionären Kraft sehr überzeugend.“

Das Gesamtbudget lässt sich so ganz präzise nicht in Erfahrung bringen, „deutlich unter sieben Mio. Euro“ lautet die Auskunft. Nach zuvor guten Erfahrungen wie Anfang Januar bei dem Zeugenschutz-Thriller „Das Programm“ hat man sich bei der Degeto für eine En-bloque-Ausstrahlung entschieden. Die Zuschauer bekommen am 6. Februar also 180 Minuten am Stück serviert. Im Anschluss wird das Thema in Stephan Lambys Doku „Barschel – Das Rätsel“ vertieft.

Ariane Krampes aus der Ferne zumindest überraschend wirkender Schritt in die Unabhängigkeit nach gerade einmal eineinhalb Jahren unter dem Dach der Zeitsprung hat hingegen nichts Rätselhaftes, wie die Produzentin glaubhaft versichert. „Als ich nach der langen Zeit bei Teamworx von der UFA wegging, habe ich damals schon gedacht, der logische nächste Schritt wäre die unternehmerische Selbständigkeit. Diesen Gedanken habe ich dann aber nicht weiterverfolgt, weil sich die Konstellation mit Michael Souvignier und Zeitsprung ergeben hat.“ Diese „Orientierungsphase“ habe es zwischen dem Teamworx-Ende und dem Neuanfang mit einer eigenen Firma wohl gebraucht. Die „Orientierungsphase“ war mit sechs weiteren Filmen neben der „Der Fall Barschel“ äußerst produktiv. „Michael Souvignier und ich, wir sind im besten Sinne freundschaftlich auseinander gegangen“, so Krampe.

Weihnachten vor einem Jahr fiel letztlich der Entschluss, unter eigenem Namen unternehmerisch tätig zu werden. „Jetzt oder gar nicht mehr“, habe sie zu sich gesagt. Die Ariane Krampe Filmproduktion hat sie dann in allen Bereichen selber aufgestellt. Und welche Rolle spielt Jan Mojto, zu dessen Unternehmensgruppe die Firma gehört?“. Er hat mir ermöglicht, die Firma in der Form an den Markt zu bringen. Aber alles andere obliegt meiner alleinigen Verantwortung. Die Firma muss sich am Markt behaupten.“

Bereits drei Filme wurden in den ersten neun Monaten abgedreht: die beiden Herzkino-Beiträge „Ein Sommer auf Lanzarote“ und „Ein Sommer in Florida“, dazu die Komödie „Offline“ (AT) von Ingo Rasper mit Nina Kunzendorf. Für 2016 sind fünf bis sechs Produktionen geplant. Den Anfang macht wohl im April unter Regie von Oliver Schmitz eine schwarze Komödie mit dem Arbeitstitel „Willkommen in der Patchwork-Hölle“ – für MDR und ORF. Parallel liegt der Fokus auf der Entwicklung zweier Serien, „und natürlich gibt es schon wieder spannende Ideen für weitere Event-Programme“, richtet Ariane Krampe den Blick schon wieder nach vorne.

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